Warum Task-Switching uns produktiver erscheinen lässt, aber oft das Gegenteil bewirkt
Wir wissen unglaublich viel über Gesundheit, Körper und Geist. Viele von uns haben schon von Multitasking gehört und handeln im Alltag trotzdem oft gegenteilig.
Kennst du das auch?
Du nimmst dir vor, fokussiert bei einer Aufgabe zu bleiben, landest aber doch wieder bei alten Mustern und wechselst zwischen den Aufgaben hin und her?
Im Alltag sprechen wir meist von Multitasking, wenn wir zwischen Aufgaben hin- und herspringen. Gemeint ist damit aber das sogenannte Task-Switching, also der Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben, die eigentlich unsere ungeteilte Aufmerksamkeit benötigen:
- Du bist gerade mit einer Kollegin in einem Gespräch. Dein Handy vibriert. Du greifst automatisch zum Handy und liest die Nachricht, während du nur mit einem Ohr zuhörst.
- Du arbeitest an einer Aufgabe und suchst kurz etwas im Internet. Ein Link führt zum nächsten, du öffnest mehrere Tabs und merkst nach einiger Zeit, dass du dich komplett vom ursprünglichen Thema entfernt hast.
- Du beginnst eine Aufgabe und erinnerst dich plötzlich an ein anderes offenes To-do. Du wechselst dorthin, dann zur nächsten Aufgabe und am Ende ist vielleicht nichts wirklich fertig.
- Du schreibst eine E-Mail. Ein Kollege läuft vorbei und fragt dich im Vorübergehen etwas. Du antwortest auf die Frage, bist aber gedanklich noch bei der E-Mail.
- Du sitzt in einer Besprechung und schaust nebenbei deine E-Mails durch. Eine E-Mail scheint dringender zu sein. Du hörst der Besprechung nur mit einem Ohr zu, machst dir aber innerlich bereits Gedanken zur E-Mail.
- Du arbeitest gerade an einer Aufgabe am Computer. Eine Nachricht poppt auf dem Bildschirm auf. Du antwortest sofort und fängst dann an, dir weitere Nachrichten anzuschauen.
- Du freust dich sehr darauf, deinen Urlaub zu planen. Während du eigentlich Aufgaben erledigen sollst, die deine volle Aufmerksamkeit benötigen, bist du gedanklich immer wieder beim kommenden Urlaub. Du springst zwischen der Urlaubsplanung und deinen Aufgaben hin und her.
Task-Switching ist ein energieintensiver Prozess
Beim Task-Switching geht jedes Mal der Fokus verloren. Jedes Hin- und Herspringen kostet Energie, Zeit und Aufmerksamkeit und verstärkt den Autopilotmodus. Im Autopilotmodus laufen Reaktionen automatisiert statt bewusst ab.
Studien zeigen, dass häufiges Hin- und Herspringen unter anderem folgende Auswirkungen haben kann:
- Die Arbeitsweise ist energieintensiver und dauert länger, da es bei komplexen Aufgaben jedes Mal Zeit braucht, bis die volle Konzentration auf die Aufgabe wieder erreicht wird.
- Wir lassen uns leichter ablenken.
- Unsere Fähigkeit, uns zu fokussieren, nimmt ab.
- Wir verlieren uns in unwichtigen Aufgaben.
- Die Gedächtnisleistung leidet.
- Die Fehlerquote steigt.
- Die Arbeit wird ineffizienter.
- Das Stressniveau steigt.
- Die Arbeitszufriedenheit sinkt.
Paradox: Weniger ist mehr
Dass wir mehreren Aufgaben innerhalb kurzer Zeit unsere Aufmerksamkeit schenken können, ist eine beeindruckende Fähigkeit des Gehirns. Die Herausforderung entsteht erst dann, wenn der ständige Wechsel zur Gewohnheit wird. Forschungen zeigen, dass weniger Task-Switching mit einer geringeren kognitiven Belastung, einem geringeren Risiko mentaler Erschöpfung, einer geringeren Fehlerquote sowie mehr innerer Stabilität, Balance und Klarheit im Tun verbunden sein kann.
Paradox, aber wahr: Wer weniger gleichzeitig macht, fühlt sich innerlich ausgeglichener und erledigt zugleich die Aufgaben effizienter!
Fazit
Folgende Zitate zum Thema sollen zeigen, dass es sich hier nicht um ein Phänomen der Neuzeit handelt, sondern schon seit Jahrhunderten darauf hingewiesen wurde:
„Zwei Dinge auf einmal zu tun, heißt, keines zu tun.“
– Publilius Syrus (röm. Dichter, 1 Jhd. v. Chr.)
„Jede Kunst verlangt den ganzen Menschen.“
– Johann Wolfgang von Goethe (dt. Dichter, 1749)
„Konzentriere alle deine Gedanken auf die Arbeit, die du gerade machst. Die Sonnenstrahlen brennen erst, wenn sie gebündelt sind.“
– Alexander Graham Bell (schottisch-amerikanischer Erfinder, geb. 1847)
„Multitasking heißt, viele Dinge auf einmal zu vermasseln.“
– Erwin Koch (dt. Aphoristiker, geb. 1932)
Ein kleiner Impuls
Probiere gleich Folgendes aus und beobachte, ob du einen Unterschied bemerkst:
Mache es dir ab jetzt zur Gewohnheit, bewusst nur einer Tätigkeit bzw. Aufgabe deine volle Aufmerksamkeit zu schenken.
Dazu eine kurze Reflexionsfrage:
Stell dir vor, eine Person, die du sehr magst und die gestresst wirkt, kommt zu dir und bittet dich um Rat, genau zu den Beispielen am Anfang (siehe Überschrift: „Kennst du das auch?“). Was würdest du dieser Person konkret bei jedem einzelnen Beispiel raten?
Jürgen Domenig
Jürgen Domenig (MSc Mindfulness, Mag. Wirtschaft) ist Gründer von Myndcare und hat zusammen mit Matthieu von Myndspot das Programm „Klar!“ entwickelt, das sich auf die Themen Fokus, Gewohnheiten, Balance und Grow mitten im Arbeitsalltag spezialisiert hat.
Weitere Informationen zum Programm „Klar!“:
www.myndspot.com/klar/