Der Siegeszug der Smartwatches in den Alltag
Smartwatches und Tracking-Apps sind längst bei Mitarbeiter:innen im Alltag angekommen. Manche nutzen sie zur Leistungsoptimierung, andere zur Unterstützung ihres Gesundheitsverhaltens. Sie zählen Schritte, ermitteln den Puls, berechnen Stresslevel und geben Rückmeldungen zur Schlafqualität. Bereits erste Unternehmen setzen Wearables mittlerweile auch im Rahmen von Gesundheitsprogrammen ein.
Diese Werte wirken zunächst objektiv und präzise. Tatsächlich unterscheiden sie sich jedoch grundlegend in ihrer Genauigkeit und praktischen Nutzbarkeit.
Die zentrale Frage dahinter lautet:
Was wird tatsächlich gemessen und was wird berechnet? Und wie zuverlässig sind die angezeigten Werte?
Messen vs. Berechnen: Systemische Ungenauigkeiten
Bevor wir uns den Gesundheitsparametern zuwenden, lohnt sich ein kurzer Blick hinter die technischen Möglichkeiten und Grenzen der Messwerte. Smartwatches erfassen zunächst physikalische Signale, etwa über optische PPG-Sensoren (Photoplethysmographie) oder spezielle Bewegungssensoren. Daraus entstehen Rohdaten, auf denen weitere Kennzahlen aufbauen.
Viele weitere angezeigte Kennzahlen sind keine direkten Messwerte, sondern algorithmisch berechnete Schätzungen. Sie basieren auf Modellen, Annahmen und teilweise individuellen Nutzerdaten. Abgesehen davon, dass die Algorithmen vieler Parameter proprietär (firmeneigen) und dadurch nicht nachvollziehbar sind, können schon kleine Messfehler die Modellberechnungen systematisch verzerren.
Eine Vertiefung findest du auch in der Podcastfolge „Die Vermessung der Gesundheit“:
Einordnung zentraler Parameter
Doch wie lässt sich die Zuverlässigkeit und Aussagekraft der Leistungs- und Gesundheitswerte handelsüblicher Smartwatches kompakt einordnen?
Herzfrequenz (HF)
Smartwatches messen konkret nicht die Herzfrequenz, sondern den Puls über optische PPG-Sensoren. Im Ruhebereich und bei moderater Belastung liefern viele Geräte zuverlässige Daten. Bei hoher Intensität oder schnellen Bewegungen kann es jedoch zu relevanten Abweichungen und systematischen Messfehlern kommen. EKG-basierte Brustgurte messen hingegen direkt das elektrische Signal des Herzens und liefern bessere Herzfrequenzdaten als die grünblinkenden PPG-Sensoren auf der Smartwatchrückseite.
Herzfrequenzvariabilität (HRV)
Die Herzfrequenzvariabilität wird grundsätzlich auf Grundlage der Herz- bzw. Pulsdaten errechnet. Die besten Werte werden dabei unter standardisierten Bedingungen (z. B. Ruhe, konstante Messzeitpunkte) ermittelt. Studien zeigen allerdings, dass Smartringe die HRV in Ruhe zuverlässiger bestimmen können als Smartwatches. Dies hat weniger einen technischen, sondern einen physiologischen Hintergrund an der Messstelle.
Die HRV wird häufig auch als „Stressparameter“ im psychologischen Sinne bezeichnet, obwohl es eher etwas über die Regulationskompetenz des Herzens aussagt. Stress ist nämlich auch kontextabhängig.
Schrittzahl
Grundsätzlich robust, da sie auf Bewegungsmustern basiert. Fehler entstehen vor allem bei atypischen Bewegungen (z. B. Radfahren, Tragen von Gegenständen, Tanzen). Auch sitzende Computerarbeit kann bei handelsüblichen Smartwatches zu „Geisterschritten“ führen.
Schlafqualität
Schlafqualität wird nicht direkt gemessen, sondern aus Bewegungssignalen und Herzfrequenz (HRV) abgeleitet. Die Gesamtschlafdauer ist oft noch plausibel. Schlafphasen (REM, Tiefschlaf) hingegen deutlich ungenauer. Messungenauigkeiten gibt es auch bei Wearables in der Schlafforschung. Wer es genau wissen möchte, bräuchte eine EEG-Messung im Schlaflabor.
VO₂max
Kein direkt messbarer Wert der Smartwatch, aber ein sehr zentraler Fitnessparameter. Die Berechnung basiert auf Herzfrequenz, Tempo und weiteren Annahmen. Mehrere Studien zeigen, dass die VO2max (maximale Sauerstoffaufnahme) bei Smartwatches je nach Fitnessniveau eine durchschnittliche Abweichung von 3-10% aufweist. Eine nähere Analyse findest du auch im Long-Read zu selbigem Thema:
www.mentyworld.at/smartwatches-validitaet/
Stressscore
Typischerweise eine Kombination aus Herzfrequenz, HRV und Aktivitätsdaten. Der Begriff „Stress“ ist dabei nicht physiologisch eindeutig definiert. Es handelt sich um einen errechneten Wert und keine Messung.
Blutzucker
Ein gutes Beispiel für die Grenzen aktueller Technologie ist der Blutzucker: Nicht-invasive Messungen über Smartwatches sind derzeit nicht zuverlässig und nicht brauchbar. Verlässliche Werte liefern nur externe invasive Sensoren.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Fitness- und Gesundheitsparameter von Smartwatches sind nicht mit Laborwerten gleichzusetzen. Sie beruhen teilweise auf intransparenten Algorithmen und sind funktionale Näherungswerte. Für die Praxis bedeutet dies, dass diese bestenfalls als Orientierung und zur Trendbeobachtung dienen.
Obwohl die angezeigten Leistungs- und Gesundheitsparameter systematische Fehler aufweisen, haben diese einen wesentlichen Einfluss darauf, wie wir unser Bewegungs- und Gesundheitsverhalten im Alltag steuern.
Problematisch wird es, wenn:
- berechnete Werte als objektive Wahrheit interpretiert werden
- Nutzer:innen ihr Körpergefühl zugunsten von Zahlen ignorieren
- Eine verstärkte Identifikation mit einzelnen Kennzahlen entsteht und überbewertet werden
Dies hat auch psychologische Auswirkungen. Datenbetriebene Gesundheitsförderung kann eine ergänzende Unterstützung sein, aber sollte nicht auf Kosten des eigenen Körpergefühls gehen.
Zwei praxisnahe Empfehlungen
- Fitness- und Gesundheitsparameter als Orientierung nutzen
Auch wenn die angezeigten Werte nicht exakt sind, dienen sie zur Orientierung und Trendbeobachtung. Ein kurzer Blick auf die bisherige Schrittzahl auf der Smartwatch kann schon dazu motivieren, die Treppe statt den Lift zu nehmen oder den Arbeitstag mit einem Spaziergang zu beenden.
- Körpergefühl und Achtsamkeit stärken
Grundsätzlich bietet uns unser Körper auf natürlichem Wege wichtige Körpersignale zur Einschätzung unserer Gesundheit. Einfache Fragen wie
„Wie geht es mir jetzt in diesem Moment?“,
„Wie habe ich geschlafen?“ oder
„Wie fühlt sich mein Körper gerade an?“
können das Bewusstsein schärfen und eine größere Wirkung haben als Zahlen. Oft reicht dafür schon eine bewusste und kurze bewegte Pause.
Mag. Mario Schuster
Mag. Mario Schuster, MSc ist Sportwissenschafter, Sport- und Arbeitspsychologe sowie Gründer von Mental Synergy. Sein beruflicher Schwerpunkt liegt in der Schnittstelle von Leistung und Gesundheit im Sport und der Arbeitswelt.
www.mental-synergy.at