Ein Beitrag von Susanne Altmann
 

Wir wissen ja, was gut für uns ist, tun es aber trotzdem nicht

Wir leben in einer Zeit, in der Wissen im Überfluss vorhanden ist. Kaum ein Thema ist so gut erforscht wie Bewegung und Gesundheit. Wir wissen, dass regelmäßige Bewegung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt, Stress reduziert, die kognitive Leistungsfähigkeit steigert und sogar unsere Lebenszufriedenheit erhöht. Und doch zeigt sich im Alltag ein anderes Bild: zu viel Sitzen, zu wenig Bewegung, zu wenig nachhaltige Veränderung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: Was ist gesund?
Sondern: Warum handeln wir nicht danach?

Aus soziologischer und psychologischer Perspektive ist die Antwort klar: Verhalten ist nur zu einem kleinen Teil rational gesteuert. Der Mensch handelt nicht primär nach Wissen, sondern nach Gewohnheiten, inneren Mustern und emotionalen Zuständen. Unser Unterbewusstsein – also all jene automatisierten Denk- und Verhaltensprogramme – steuert einen Großteil unseres Alltags. Genau hier entscheidet sich, ob Bewegung tatsächlich in unser Leben integriert wird oder nur ein guter Vorsatz bleibt.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der in der betrieblichen Gesundheitsförderung oft unterschätzt wird: der Kontext. Menschen bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Sie bewegen sich in Systemen – in Unternehmen, in Teams, in sozialen Gefügen. Und diese Systeme wirken. Sie beeinflussen Energie, Motivation und Verhalten stärker, als es einzelne Maßnahmen je könnten.

Wenn ein Arbeitsalltag von Zeitdruck, hoher kognitiver Belastung und permanenter Erreichbarkeit geprägt ist, dann entsteht ein Zustand, den die Neurowissenschaft als „mentale Überlastung“ beschreibt. In diesem Zustand greift der Mensch bevorzugt auf automatisierte Muster zurück. Bewegung wird dann nicht als Ressource erlebt, sondern als zusätzlicher Aufwand. Genau deshalb scheitern viele gut gemeinte Angebote: nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie nicht an der richtigen Stelle ansetzen.

Hier beginnt ein Perspektivenwechsel, der für die Zukunft der betrieblichen Gesundheitsförderung zentral ist.

Bewegung ist nicht nur eine körperliche Aktivität, Bewegung ist auch ein innerer Zustand. Sie beginnt in der Art, wie wir denken, fühlen und wahrnehmen. Und sie zeigt sich in unserer Haltung – der äußeren und inneren Haltung.

Körperhaltung beeinflusst emotionale Zustände und kognitive Prozesse. Eine aufrechte Haltung kann das Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken, während eine zusammengesunkene Haltung mit Rückzug und geringer Energie verbunden ist. Bewegung wirkt also nicht nur auf den Körper – sie wirkt zurück auf unser Erleben, unsere Motivation und unsere Bereitschaft, aktiv zu werden.

Wenn wir betriebliche Gesundheitsförderung ausschließlich über Angebote wie Kurse oder Programme denken, greifen wir zu kurz. Entscheidend ist vielmehr die Integration in den Alltag und in die Unternehmenskultur. Es geht um kleine, wirksame Impulse – sogenannte „Nudges“ –, die Verhalten im richtigen Moment erleichtern. Es geht um Räume, die Bewegung ermöglichen, und um eine Kommunikation, die Energie statt Druck erzeugt.

Vor allem aber geht es um Menschen, die Wirkung erzeugen.

Führungskräfte spielen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle. Ihre Präsenz, ihre Sprache, ihre Haltung – all das wirkt unmittelbar auf das System. Sie prägen – oft unbewusst – ob Bewegung, Pausen und Selbstfürsorge als legitim oder als Luxus wahrgenommen werden. Damit wird betriebliche Gesundheit zu einem Thema von Wirkungskompetenz.

Gesundheit ist nicht nur eine Frage der Maßnahmen.
Sie ist eine Frage der Haltung – individuell und kollektiv.

Unternehmen, die das verstehen, gehen einen entscheidenden Schritt weiter. Sie schaffen nicht nur Angebote, sondern Bedingungen, unter denen Menschen sich tatsächlich bewegen – körperlich und innerlich. Sie fördern nicht nur Fitness, sondern Energie, Präsenz und Selbstverantwortung. Und genau hier schließt sich der Kreis:

Bewegung beginnt nicht im Fitnessraum. Sie beginnt im Kopf.

Susanne Altmann

Mag. Dr. Susanne Altmann studierte u.a. Sport und Englisch sowie Medizin- und Gesundheitssoziologie und ist Charisma Trainerin, Mental Trainerin, Vortragende und Autorin. In ihren Trainings und Vorträgen verbindet sie Bewegung, Haltung, Körpersprache und Mindset mit dem Ziel, Menschen nachhaltig in ihre Kraft, Präsenz und Gesundheit zu bringen.
www.charisma-training-school.de
www.schreibstar.at

 

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